Martins key.matiq-Blog

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Konsequenzen des KI-Booms für die Passwortsicherheit

Geschrieben: 28.09.2026
Stichwörter: Sicherheit

Martin ist sich ziemlich sicher: Der KI-Boom verlangt härtere Anforderungen an Passwörter. Wer davor die Augen verschließt, geht hohe Risiken ein. Die erforderlichen Maßnahmen müssen zwar erst mittelfristig erfolgen, aber man sollte sich schon bald informieren und Termine setzen.

Wo liegt das Problem?

Bislang wurden Passwörter dadurch gehackt, indem entweder

  • Auf Servern (oder anderen zugänglichen Geräten) unverschlüsselt herumliegende Passwörter abgegriffen wurden oder
  • verschlüsselte Passwörter durch Abgleich mit Listen bereits gehackter Passwörter entschlüsselt wurden (die Anzahl der bekannten gehackten Passwörter dürfte ein paar Milliarden betragen1) oder
  • die Passwörter sehr einfach gestrickt waren: Datum, Vornamen, Mode- oder Schimpfwörter, Folgen von nebeneinander auf der Tastatur liegenden Zeichen o. ä.

Bislang konnte man sich einigermaßen sicher fühlen, wenn die eigenen Passwörter jeweils

  • eine moderate Stärke aufweisen,
  • nur für einen Zweck verwendet werden und
  • nicht bei HIBP2 gelistet sind.

Mit dem KI-Boom ändert sich aber Einiges: Es ist zu erwarten, dass in naher Zukunft Hacker*innen und staatliche Geheimdienste KI-Modelle an den Milliarden bekannter Passwörter trainieren werden, damit diese lernen, wie Menschen bei der Passwortwahl ticken.

Ich kenne eine Reihe kompromittierte (bei HIBP gelisteter) Passwörter und habe beobachtet, dass ähnlich aufgebaute Passwörter nicht unbedingt gelistet sind. Es liegt nahe zu vermuten, dass die kompromittierten Kennwörter unsicher (unsicher verschlüsselt oder gar nicht verschlüsselt) auf gehackten Servern lagen und deshalb bekannt wurden, die nicht kompromittierten aber (mehr oder minder zufällig) nur auf Servern eingesetzt wurden, die den fremden Zugriff auf Logindaten bisher erfolgreich unterbinden konnten oder zumindest diese Daten sauber verschlüsseln hatten.

Letzere werden aber in Zukunft wohl auch stark gefährdet sein, wenn Hackertools nach Abgriff verschlüsselter Daten3 nicht nur einfach Listen bekannter Kennwörter durchprobieren, sondern (an diesen Listen trainierte) KI-Tools gezielt auch auf ähnliche Kennwörter hin testen.4

Im Ergebnis werden auch pseudozufällige Kennwörter an Stärke verlieren.5.

Worin kann die Lösung liegen?

Wenn Passwörter komplett zufällig in kryptographischer Stärke (d. h. mind. 128 Bit Entropie) generiert werden, hat auch die stärkste KI keine Chance, es zu erraten. Für verschiedene Zwecke müssen jeweils andere Passwörter erstellt werden.6 Man kommt also um einen Passwortmanager nicht herum.7 Denn kaum jemand ist in der Lage, alle nötigen Passwörter auswendig zu lernen.

Einige Passwörter muss man aber auswendig lernen: Die für die Anmeldung an Geräte und auch die für die Anmeldung an Browser and Passwortmanager. Doch von Passwortmanagern generierten sichere Passwörter sehen in der Regel ziemlich kryptisch aus (z. B. 22 alphanumerische Zeichen wild durcheinander), können also kaum erlernt werden.

Aber es helfen generierte Passphrasen, die sich gut (anhand von Eselsbrücken) auswendig lernen lassen und für den täglichen Gebrauch nach und nach auch abkürzen lassen. (Das geht zwar nicht mit jedem Passphrasengenerator, aber immerhin mit dem von key.matiq.8 (Will man statt key.matiq einen anderen Passwortmanager benutzen, kann man sich jedoch die EFF Short Wordlist 2.0 selbst herunter laden und als Diceware händisch benutzen.)

Manchmal kommen schon eine Reihe auswendig zu lernender Passphrasen zusammen. Aber in dem Artikel über Passphrasen wird auch erklärt, wie man mit diesen ökonomisch umgeht: Man kann bei diesen wenigen (meist max. ein Dutzend) Passwörtern durchaus von dem Prinzip abweichen, alle Passwörter getrennt voneinander zu generieren, sondern kann in diesem Fall durchaus gemeinsame Teilphrasen als Komponenten verwenden.

(Wichtig ist nur, dass jede gesamte Passphrase stark ist und dass man die Passphrasen-Komponenten insgesamt im Blick behält: Sollte eine dieser Passphrasen kompromittiert werden9, müsste man alle ihre Komponenten als kompromittiert betrachten und bei den anderen Passphrasen, die diese Komponenten ebenfalls enthalten, baldigst austauschen!)

Gibt es es Ausnahmen, für die noch schwächere Passwörter oder pseudozufällige sinnvoll sein können?

Ja: Wenn eine KI keine Chance hat in hohem Tempo viele Passwörter auszuprobieren, können pseudozufällige Passwörter (oder generierte Passwörter mit weniger als 128 Bit Entropie) noch sicher sein.

Das ist z. B. bei Chipkarten der Fall, wenn diese nach 3 Fehlversuchen bei der (4-stelligen) PIN-Eingabe und 15 Fehlversuchen bei der (8-stelligen) PUK-Eingabe, weil diese dann keine weiteren Versuche zulässt. Und weil es zumindest noch derzeit (202610) unmöglich ist, den Speicher der Chipkarte auszulesen, ohne sich anzumelden.

Es kommt immer darauf an, ob die KI sicher daran gehindert werden kann, an die Daten heranzukommen, die zur Überprüfung der Gültigkeit eines Passworts nötig sind:

  • Bei einer Chipkarte ist das derzeit (2026) immer der Fall, s. o.
  • Bei dem Zugangskennwort eines PCs, Laptops, Tablets oder Mobiltelefons ist dies nicht mehr der Fall, sobald Sie ein nicht sicher verschlüsseltes Backup in die Cloud hoch laden oder auf einer nicht sicher verschlüsselten externen Platte lagern, auf die andere Zugriffsmöglichkeiten haben.
  • "Nicht sicher verschlüsselt" heißt: Es wurde kein starker kryptographischer Verschlüsselungsalgorithmus gewählt oder das Passwort zum Entschlüsseln ist nicht stark (128 Bit Entropie) oder nicht (oder nicht vollständig) geheim.

Wann sollte man die Lösung angehen?

Bei erkannten Risiken (wir sprechen hier nicht von bereits eingetretenden Notfällen) gibt es die Regel, dass man nicht überstürzt handeln sollte, sondern sich wohlüberlegt Zeit reserviert, das Problem zu analysieren, das Ziel zu definieren und möglichliche Lösungen zu evaluieren.

Wichtig ist allerdings, die Augen nicht zu verschließen und die Problembehandlung keineswegs auf den Sankt-Nimmerleins-Tag zu verschieben. Ratsam wäre als weder ein kurzfristiges, noch ein langfristiges Angehen, sondern eine mittelfristige, dann aber konsequente Lösung!

Die matiq UG kann dabei helfen: Wir beraten Sie gerne und bieten Seminare für die Passwortsicherheit sowohl für IT-Fachleute als auch für das breite Spektrum an IT-Nutzer*innen an. Unser eigenener Web-Dienst key.matiq ist bereits auf pragmatische Lösungen für das beschriebene Problem hin programmiert, aber wir helfen Ihnen gerne auch, mit Passwortmanagern anderer Hersteller gute Lösungen zu erreichen.

 

1) Mindestens 19 Milliarden Login-Daten (darunter auch die Passwörter) wurden bislang kompromittiert. Allerdings kommen daruter nur gut eine Mrd. Passwörter nur einmal vor. Das heißt: Die Anzahl der bereits bekannten Passwörter liegt (mindestens) irgendwo zwischen ein und zehn Milliarden. Siehe axis-intelligence.com "19 Billion Compromised Passwords".

2) Siehe "Have I Been Pwned".

3) Solche Abgriffe kommen immer wieder vor, auch auf Servern renommierter Unternehmen, siehe z. B. meinen Blog-Artikel Unsichere Zeiten.

4) Die "gezielte" Auswahl ähnlicher Kennwörter erlaubt, mit geringerem Aufwand und höherer Erfolgschance vorzugehen, als es bisher möglich war.
Siehe auch den Blog-Artikel Mathematik der Passwortstärke.

5) Zum Begriff "pseudozufällig": Siehe den Blog-Artikel "Das gute Kennwort". Wenn die KI voll durchschlägt, wird die Stärke solcher Kennwörter auf die Anzahl tatsächlich zufälliger Ja/Nein-Ent­schei­dun­gen bei der Passworterstellung reduziert. 20 solche Entscheidungen bedeuten: 20 Bit Stärke. Das ist aber gar nichts im Verhältnis zu dem, was man benötigt: Im Jahr 2026 liegt die Grenze zu einem nicht knackbaren Kennwort bei grob geschätzt 80 Bit (oder etwas darüber).
Wie kommen ich zu dieser Schätzung? Ich gehe von dem Knacken des DES-Algorithmus (Schlüsselstärke 56 Bit) Mitte der 90er Jahre aus. Und ich sehe eine Verdoppelungsrate der Rechengeschwindigkeit der schnellsten Supercomputer im Schnitt alle 15 Monate, was nach 30 Jahren eine 24-fache Verdoppelung bedeutet und damit 24 Bit mehr an Stärke von kryptographischen Schlüsseln und Kennwörter erfordert.
Da die Sicherheit von Kennwörtern exponentiell mit der Bit-Zahl der enthaltenen Entropie (zufällige Ja/Nein-Entscheidungen) bedeuten 10 Bit mehr oder weniger: ein Tausendstel oder das Tausendfache an Sicherheit. D. h. man sollte nicht nur grob bei (den nur grob als notwending eingeschätzen) 80 Bit Entropie liegen, sondern deutlich darüber. Wenn man aber deutlich darunterliegt, kann man das Kennwort nur noch als "unsicher" klassifizieren.
Man sollte sich also bei pseudozufälligen Kennwörtern ehrlich machen: Wieviel Ja/Nein-Ent­schei­dun­gen liegen wirklich darin? Komme ich auf eine akzeptable Zahl oder nicht?

6) Es besteht ja immer die Möglichkeit, dass ein Passwort für einen unsicheren Dienst verwendet wird, der leicht auszuspionieren ist. Würde man das Kennwort für diesen Dienst auch für andere Dienste verwenden, würde eine Kompromittierung des Passworts auch auf diese durchschlagen.

7) Wer Passwortmanagern nicht vertraut (was durchaus berechtigt sein kann, siehe z. B. den Blog-Artikel "Sicherheitsbresche bei LastPass"), sollte sich mit der im Blog-Artikel Das Komplement-Konzept beschriebenen Lösung befassen.

8) Siehe den Blog-Artikel "Passphrasen 2.0!".

9) Es ist schon sehr unwahrscheinlich, dass eine unbemerkte Kompromittierung bei diesen wenigen Geräten und Apps passiert: Es handelt sich immerhin um Betriebssysteme, Browser und sicherheitskritische Apps, bei denen die händische Eingabe erforderlich ist. Die Offenlegung von Anmeldekennwörtern bei einem gängigen Betriebssystem, Browser oder Passwortmanager würde sicherlich durch alle Nachrichten gehen und die Herstellerfirma wäre in Euro nach der DSGVO verpflichtet, alle ihre Kund*innen von sich aus zu informieren.

10) Jahr zum Zeitpunkt der Überprüfung dieses Textes.


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